Meine Tante Roswitha — sie lebe noch lange! — war eine Frau, die alles glaubte, nur nicht das Neumodische. Das Wenige an der heutigen Welt, was sie begreifen konnte, war ihr anständig und gottgewollt; das Viele, was sie nicht begreifen konnte, war ihr Teufelszeug und Hexerei.
Eine richtige Ehe, das war ihr eine Sache zwischen einem Mann und einer Frau, von der Hochzeit bis zum Grab, und das Grab war schon angezahlt: ein Doppelplatz unter einer Linde, zwei Namen, ein Stein. Was darüber hinausging, kam vom Bösen. Und am tiefsten misstraute sie dem kleinen Kastl, das heutzutage jeder in der Tasche trägt — dem reinsten Teufelsaltar. Erst hatte es bloß dazu gedient, dass sich die Leute die Liebe daraus aussuchen wie beim Metzger das Hackfleisch. Inzwischen aber redete es sogar zurück, in ganzen Sätzen, höflich wie ein studierter Mensch, obwohl doch keiner drinsteckte — und das, fand die Tante, war der Gipfel der Bosheit: der Leibhaftige in Person. Am allerärgsten aber waren ihr „die Leut, die si partout ned entscheidn kenna und glei drei auf oamoi gern ham wolln“. Kam so einer im Fernsehen vor, bekreuzigte sie sich und schaltete den Apparat aus.
Nun traf es sich unglücklich, dass ich, ihr Großneffe, genau so einer war.
Abgesehen von ihrer hohen Meinung vom Teufel war meine Tante eine gescheite Frau. Und im Grunde ihres Herzens, das wusste ich wohl, plagte sie eine fürchterliche Neugier. Denn so laut sie über „den Bua und seine Weiberleut“ schimpfte, so genau hätte sie eigentlich gern gewusst, wie das denn zugeht bei uns.
Drum lud ich sie eines Sommers ein mitzukommen. Unser Polykül — so heißt das, wenn mehrere Leute zusammengehören, kreuz und quer, ein Geflecht wie ein Stammbaum, bloß lustiger — hielt sein Sommerfest, ein ganzes Wochenende, draußen auf dem Land. Man fuhr mit der Bahn dahin, mit einem Umstieg in Wien.
„Maria und Josef“, rief die Tante, „dass i ma des Sündenpack mit eigene Augn oschaun muass!“ Aber den Koffer hatte sie schon gepackt.
Die Fahrkarten hatte ich mit dem Kastl bestellt, ein bloßes leuchtendes Bilderl hinter Glas, kein Papier weit und breit. Das war der Tante nicht geheuer.
„A Papierl muass her“, beharrte sie, „sonst gilt’s ned, und der Schaffner sperrt uns ei.“
Ich hielt ihr das Bilderl hin. Sie betrachtete es, wie der ungläubige Thomas die Wunden betrachtet hat, und glaubte erst, als der Schaffner wortlos und freundlich weiterging.
Schon die Hinfahrt war eine Prüfung. Wir saßen im Zug der Deutschen Bahn, und der tat, was die Deutsche Bahn am besten kann: Er stand. Bei Nürnberg stand er, bei Regensburg stand er, und mit jeder Minute Verspätung rückte unser Anschluss in Wien weiter in die Ferne — von der DB hinüber zur ÖBB, und die, hatte ich der Tante hoch und heilig versprochen, fahre pünktlich.
„Sakra, de Deitsche Bahn!“, schimpfte die Tante und faltete die Hände. „Wenn de oamoi fahrn tät, wann’s auf’m Schild steht, na ging i in d’Kircha und zünd glei drei Kerzn o.“
In Wien blieben uns am Ende vier Minuten. Wir rannten — die Tante mit dem Koffer voran, behänd wie ein junges Madl —, über zwei Stiegen, durch die halbe Halle, und sprangen in den ÖBB-Zug, als drinnen schon gepfiffen wurde. Kaum saßen wir, da rollte er an, auf die Sekunde.
Die Tante sah aus dem Fenster, wie der Wiener Bahnsteig zurückblieb, und nickte anerkennend. „Schau her“, sagte sie. „De Österreicher, de kriagn’s hi. De Deitsche Bahn dagegn — des is aa so a Deifizeig.“
Erst als der Zug ruhig durchs Land lief, ertappte ich die Tante dabei, wie sie heimlich — sie meinte, ich säh es nicht — das Kastl befragte, was denn „polyam“ auf gut Deutsch heiße. Das Kastl gab brav und in ganzen Sätzen Auskunft, höflich, geduldig, ohne ein böses Wort. Die Tante erschrak und hätte es beinah fallen lassen.
„Es redt mit mir“, flüsterte sie mir zu. „Und es is freundlich. Des is des Allerverdächtigste.“
Auf dem Fest dann war ein Kommen und Gehen, dass einem schwindlig wurde. Da küsste einer eine zur Begrüßung, und gleich darauf küsste dieselbe einen andern, und keiner schrie, und keiner weinte, und keiner zückte das Messer. Ein junger Mann führte auf seinem Kastl eine Liste, wer bei wem im Zelt nächtige, und sagte das so ruhig auf wie ein Bahnbeamter den Fahrplan. Als ich der Tante die Meinen vorstellte, einen nach dem andern, und dann noch einen, und immer noch einen, da schlug sie die Hände zusammen und rief:
„Maria und Josef! Da hänga ja ganze Familien dro!“
Eine sanfte Person mit grünen Haaren nahm sich ihrer an und wollte ihr erklären, was „Kompersion“ sei — die Freude nämlich, die man empfindet, wenn der eigene Liebste mit einem andern glücklich ist. Die Tante hörte zu, den Mund offen wie ein Scheunentor.
„Si gfrein?“, brachte sie endlich hervor. „Wenn da eigne Mo mit ana andern —? Jo, da muass doch da Deifi —“
Sie kam nicht weiter und musste sich erst einmal setzen und ein Glas Wasser trinken.
Am Abend gab es ein großes Feuer und Lieder dazu, und die Leute saßen umschlungen ringsherum, kreuz und quer, und es war im Grunde ein recht friedliches Bild. Die Tante bekam ein Bett in der guten Stube, ich nebenan. Ich glaubte sie längst eingeschlafen, da klopfte es leise an die Wand.
„Schlafst scho, Bua?“
„Nein, Tante.“
„Du“, sagte sie, „mi reit da Deifi.“
Ich erschrak. So etwas, und das mitten im Polykül — das war stark.
„Den ganzn Abend“, flüsterte sie durch die Wand, „schau i de Leid o, wia sanft s‘ mitanand umgehn, und koana is eifersüchtig, und olle redn über ihre Gfui, als war des des Selbstverständlichste auf da Welt — und’s lasst ma koa Ruah. Wos moanst, Buaberl: Weil ma scho so nah dabei san — probier i’s amoi?“
Weil ich sie nicht recht verstand, gab ich keine Antwort.
„Wos ko ma scho passiern?“, fuhr sie fort. „Wenn’s de andern aa doan, warum nachad ned i? Bloß amoi mitredn. Bloß amoi schaun, wia si des anfühlt.“ Dann ganz klein: „Aber a Sündhaftigkeit is halt.“ Und gleich darauf, fest entschlossen: „Na — moing in da Fruah. Jetz schlaf ma in Gotts Nam.“
Am andern Morgen saßen alle im Kreis, und der Reihe nach sagte jeder, wie es ihm gehe und was er sich wünsche für den Tag. „Check-in“ heißt so etwas. Als die Reihe an die Tante kam, wollte sie zuerst abwinken. Dann aber fing sie an zu reden. Und die Leute hörten ihr zu. Sie hörten ihr zu, der Tante Roswitha, mit großen, freundlichen, geduldigen Augen, und keiner fiel ihr ins Wort, und als sie fertig war, sagte einer: „Danke, dass du das mit uns geteilt hast.“
Der Tante wurde ganz warm ums Herz. So zugehört hatte ihr niemand mehr, seit der selige Onkel — Gott hab ihn — und genau besehen hatte nicht einmal der.
Sie stieß mich in die Seite. „Du, Bua“, flüsterte sie. „Des is am Anfang ganz aus der Weis gwen. Aber jetz — jetz fangt’s ma o zum Gfalln. Wirklich wahr: des Beziehungsredn, des is wos Schöns!“
Und das Kastl hatte sie inzwischen auch nicht mehr aus der Hand gegeben. Sie fragte es Löcher in den Bauch — was die Liebe sei und ob man wirklich mehr als einen gernhaben dürfe —, und das Kastl antwortete geduldig und freundlich, freundlicher fast als die ganze Verwandtschaft daheim, und die Tante nickte und nickte und nickte.
Nun aber, wie es eben geht, wenn ein gottesfürchtiger Mensch zum ersten Mal über den Strang schlägt: Meine Tante schlug gleich über sämtliche Stränge auf einmal.
Wenn mehr lieben erlaubt ist, sann sie, dann liebe ich eben alle. Sie ging übers Fest und hatte einen jeden gern. Sie verabredete sich mit der grünhaarigen Person zum „Date“, und gleich darauf mit dem jungen Mann mit der Liste, und gleich darauf noch mit zweien, die sie eben erst kennengelernt hatte. Eine eigene Liste wollte sie führen und kaufte sich beim Kastl flugs ein Programm dafür. Beim Mittagessen erklärte sie der ganzen Tafel, sie sei nunmehr „Beziehungsanarchistin“ und nehme überhaupt keine Etiketten mehr an — auch das Wort „Tante“ nicht; man möge sie gefälligst beim Vornamen rufen oder lieber gar nicht.
„Tante“, sagte ich vorsichtig, „ich glaub, das ist ein bisschen viel auf einmal —“
„Geh, red ned“, wischte sie es weg. „I hob heut so vui versäumts Lebn aufzhoin. Und mei Liab — de hob i no lang ned abgsessn.“
Es kam, wie es kommen musste. Am Nachmittag hatte sie sich zur selben Stunde mit dreien verabredet und kam zu keinem der drei, weil sie unterdessen einem vierten ihr ganzes Herz ausschüttete. Da gab es betrübte Gesichter. Eine weinte ein wenig — nicht bös, aber doch.
Und so geleiteten sie die Tante in den Schatten unter den großen Nussbaum, wo das Polykül seine schwierigen Dinge bespricht: ganz ruhig, ohne ein einziges lautes Wort, und das ist bekanntlich schlimmer als jedes Geschrei.
„Roswitha“, sagte die grünhaarige Person sanft, „magst du teilen, was gerade in dir vorgeht?“
Da musste die Tante ihre Taschen umkehren — will sagen: ihr Herz. Eine ganze Stunde lang musste sie über ihre Gefühle reden, und über die Gefühle der andern, und über „Verbindlichkeit“ und „Kapazität“ und über lauter solche Wörter; und das Kastl, das sie heimlich um Rat fragte, gab ihr einen so klugen Spruch, dass am Ende alles nur noch verzwickter war. „Jo mei“, stammelte die Tante zuletzt, „i hob doch bloß olle gern ghabt.“ Mehrere solche Gespräche musste sie über sich ergehen lassen. Und als endlich der Tag zur Neige ging — zu der Stunde, da sie bei einem stillen, ordentlichen Wochenende längst zufrieden im Liegestuhl gesessen wäre —, da war die Tante müder und in mehr Beziehungen verstrickt, als sie in ihrem ganzen ordentlichen Leben je gewesen war, und hatte mehr Herzensangelegenheiten zu klären, als sie Haare auf dem Kopf hatte.
Wir fuhren einen Tag früher heim als geplant — diesmal hielt sogar die Deutsche Bahn ihren Fahrplan ungefähr ein, was die Tante als schlechtes Omen wertete. Im Zug, beim Umstieg in Wien, saß sie still und schaute zum Fenster hinaus, wie die Mauern und die Telegraphenstangen und die ganze geschwinde Welt vorüberflogen.
„Bua“, sagte sie endlich.
„Ja, Tante?“
„De Polyamorie —“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Da is doch da Deifi dabei.“
Ich lächelte und sagte nichts.
Und wie wir daheim aus dem Bahnhof traten, hinaus in die ordentliche, stille Nacht, da hörte ich es neben mir schon wieder leise tippen. Die Tante hatte das Kastl längst wieder in der Hand und fragte es, ganz heimlich, ob man in ihrem Alter so eine App wohl noch installieren dürfe. Bloß zum Schaun, versteht sich. Bloß a einzigs Moi.
Disclaimer: dieser Text ist mittels KI entstanden. Anthropics Claude wurde mit der Kurzgeschichte „Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß.“ von Peter Rosegger aus dem Jahr 1911 gefüttert und gebeten, das Thema Polyamorie mit einzubauen.