Als die Tante das erste Mal mit ins Polykül fuhr

Meine Tante Roswitha — sie lebe noch lange! — war eine Frau, die alles glaubte, nur nicht das Neumodische. Das Wenige an der heutigen Welt, was sie begreifen konnte, war ihr anständig und gottgewollt; das Viele, was sie nicht begreifen konnte, war ihr Teufelszeug und Hexerei. Eine richtige Ehe, das war ihr eine Sache zwischen einem Mann und einer Frau, von der Hochzeit bis zum Grab, und das Grab war schon angezahlt: ein Doppelplatz unter einer Linde, zwei Namen, ein Stein. Was darüber hinausging, kam vom Bösen. Und am tiefsten misstraute sie dem kleinen Kastl, das heutzutage jeder in der Tasche trägt — dem reinsten Teufelsaltar.

Weiterlesen »

Das seltsame Barometer der Großtante Hilde

Leo war Mitte zwanzig, neu in der Stadt und fühlte sich, als würde er mit einem alten Röhrenradio durchs Leben gehen – immer auf der Suche nach einem klaren Empfang, aber meistens nur mit einem Rauschen konfrontiert, besonders wenn es um seinen „Gaydar“ ging. Die queere Community dieser riesigen, glitzernden Metropole schien ein leuchtendes Leuchtfeuer am Horizont zu sein, aber Leo stand am Ufer, die Hände in den Hosentaschen, zu schüchtern, um ins Wasser zu springen. Er sehnte sich nach Verbindung, nach dem Gefühl, dazuzugehören, aber seine Zunge schien am Gaumen festzukleben, sobald er den Mund aufmachen wollte.

Weiterlesen »